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16.11.2015, 19:00 Uhr: Bürgerabend - Rheuma

Minestrone* gegen Rheuma?

Wir sind zu fleischlüstern, verkündete erst kürzlich wieder die Weltgesundheitsorganisation, und essen viel zu viele Schnitzel, Steaks und Würste, noch dazu sind wir zu faul zu Halbmarathons oder wenigstens halbstündigen Spaziergängen und schlecht gelaunt, pessimistisch und total unzufrieden mit uns und der Welt sind wir sowieso. Kein Wunder also, dass wir alle früher oder später an Rheuma erkranken und mit krummen Fingern, entzündeten Gelenken oder hässlichen Hauterscheinungen leben müssen, die summa summarum unsere bisherige Lebensqualität funktional und auch noch sehr schmerzhaft einschränken. Ist das wirklich so? Und was ist denn eigentlich Rheuma, fragte eingangs der Referent Dr. Bärlin – Facharzt für Innere Medizin, Rheumatologie, Physikalische und Rehabilitative Medizin – am Bürgerabend im November das sachkundige und teils selbst von Rheuma betroffene Publikum. Rheuma kommt aus dem Altgriechischen. und „rheo“ bedeutet übersetzt „ich fließe“ und beschrieb schon damals vor über zweitausend Jahren die mal da, mal dort auftretenden – also fließenden - krankhaften Erscheinungen, mit ihren stechenden, zerrenden und reißenden Schmerzen.
Auch heute noch ist Rheuma ein Sammelbegriff für viele Gesundheitsstörungen im Stütz- und Bewegungsapparat, ist streng wissenschaftlich nicht festgelegt und folglich eine unscharfe und vieldeutige Krankheitsbezeichnung.
Eindeutig typisch für rheumatische Erkrankungen sind hingegen schmerzhafte und behindernde Gelenk-, Muskel- und Rückenschmerzen, skelettale Steifigkeiten (Finger, Hals) nach Ruhephasen, verminderte Belastbarkeit sowie Mattigkeit, Verstimmungen und Schlafstörungen.
Als Mann der Praxis hatte Dr. Bärlin viele Fotos zur Hand, die sowohl häufige als auch ganz seltene Erscheinungsformen dieser Krankheit zeigten, und er erklärte anhand dieser eindringlichen optischen Hilfsmittel mögliche Ursachen, typische krankhafte Veränderungen und in Frage kommende Heilmethoden.
Die erste Bilderserie verdeutlichte Deformationen der Finger durch Arthrose, chronische Polyarthritis oder rheumatoide Arthritis, insbesondere typische Fingerdeformationen mit Ulnarduktion, Schwanenhals- und Knopflochderformation.
Nach einigen wissenschaftlichen Erläuterungen zu Symptomdauer und Klassifikation der rheumatoiden Arthritis folgte die zweite Bilderserie, die deren erosives Deformationspotential in seiner ganzen Schrecklichkeit veranschaulichte: Karpaltunnelsyndrom am Handballen, Hallux valgus am Fußballen oder der Bildung einer Krallenzehe. Aber woher kommt diese Geißel an Händen, Hüften, Füßen und auch am Rücken? Die rheumatoide Arthritis, führte Dr. Bärlin aus, entsteht durch eine fehlgeleitete und verstärkte Immunantwort unseres körpereigenen Immunsystems, das die heutige Medizin mit recht wirksamen Medikamenten behandeln kann. Diese modernen Biologika wirken auf das Immunsystem und beeinflussen Signalübertragungsvorgänge oder zerstören spezialisierte Lymphozyten, die die rheumatische Entzündung verursachen. In Kombination mit Methotrexat (MTX; das an sich problematische MTX hilft hier weitere und weit schlimmere Beeinträchtigungen zu verhindern) helfen sie rasch und stark, stoppen den Krankheitsverlauf, werden gut vertragen, kosten aber durchschnittlich 16.000 Euro jährlich, im ersten Jahr sogar so um die 24.000 Euro.
Danach widmete sich der Referent zu den entzündlichen Gefäßerkrankungen (Vaskulitiden), die als primäre Vaskulitis als eigenständige rheumatische Erkrankung an kleineren, mittleren und großen Blutgefäßen auftreten kann. Daneben tauchen sie auch sekundär als Begleiterscheinung von Autoimmunerkrankungen oder Infektionserkrankungen wie beispielsweise AIDS oder Syphyllis und anderen nichtklassifizierten Vaskulitiden wie zum Beispiel Endangiitis obliterans auf. Auch dazu präsentierte Dr. Bärlin eine eindrucksvoll abscheuliche Bildfolge zum Raynaudsyndrom, zu progressiven Systemsklerosen und Kollagenosen (Systemischer Lupus Erythematodes. Polymyositis und Dermatomyositis, Sklerodermie, Sjögren Syndrom u.a.).
Auch die atypische Mykobakteriose in Gestalt der septischen Arthritis, die Stoffwechselstörung in Form einer chronischen Gicht und die Fibromyalgie blieben nicht unerörtert. Nach weit über einer Stunde mit vielen Zwischenfragen folgte noch eine abschließende Runde mit vielen Detailfragen zu ihren Rheumaerkrankungen, deren Ursachen, Auswirkungen und Heilmethoden.
Essen wir zu viel Fleisch und zu wenig Gemüse und Obst? Auch darauf ging Dr. Bärlin ein. Frauen seien häufiger als Männer von chronischer Polyarthritis betroffen und Männer häufiger von Gicht geplagt. Da Frauen tendenziell weniger Fleisch essen als Männer, sei Fleischkonsum keine plausible Ursachenerklärung für die chronische Polyarthritis, wohl aber für die Gichterkrankung der Männer, denn Fleisch enthält viel Purin, das die Bildung von äußerst schmerzhaften Salzkristallnadeln fördert. Zu viel Fleisch erhöhe aber bei beiden Geschlechtern das Darmkrebsrisiko statistisch signifikant. Schon deswegen sei übermäßiger Fleischkonsum zu vermeiden. Da bei der chronischen Polyarthritis - möglicherweise als eine durch Stress ausgelöste Entgleisung zu interpretieren ist - das Immunsystem fälschlicherweise im Dauerbetrieb auf Hochtouren läuft, wäre Betroffenen statt zu Fleischverzicht eher zu einer Stressreduzierung in Alltag und Beruf zu raten. Aus alledem folgere ich: Mit Gemüsebrühe abgelöscht ist eine Minestrone für die Gichtgeplagten vorteilhafter. Alle anderen dürfen zumindest dann und wann die Minestronevariante mit Geflügelbrühe ohne Reue genießen. Und so hat sie auch allen am Bürgerabend geschmeckt.

Theo Zimmermann


* Minestrone ist eine Gemüsesuppe aus Karotten, Lauch, Erbsen, weißen Bohnen, Zucchini, Blumenkohl, Kartoffeln und Arborioreis, abgelöscht mit einer Brühe aus Gemüsen oder – gehaltvoller – einer Hühnerbrühe. Kurz vor Fertigstellung wird sie ergänzt um eine Mischung aus angeschwitzten Zwiebeln, etwas Knoblauch, mitgebratenen Pancettaschnipseln und kleingeschnittenen Tomatenfleischstückchen. Zur Krönung wird die Minestrone am Tisch noch mit etwas Parmesan und kleingehackten Kräutern bestreut.